Sportlicher Rückblick auf das Jahr 2022

Das Jahr 2022 neigt sich dem Ende entgegen. Für die HSG Krefeld Niederrhein bietet sich hierdurch die Möglichkeit, auf ein Jahr zurück zu blicken, das zu Beginn noch massiv durch die Coronapandemie geprägt war und sportlich wie wirtschaftlich hochinteressant zu bewerten ist. Diese Bewertung auf diversen unterschiedlichen Ebenen wird hierbei von den Protagonisten für das jeweilige Feld vorgenommen.
Während der Sportliche Leiter Stefan Meler in der zweiteiligen Serie auf sportliche Entwicklungen in den vergangenen zwölf Monaten zurückblickt, äußert sich Eagles-Geschäftsführer André Schicks im zweiten Teil zu wirtschaftlichen Belangen und der stabilen finanziellen Situation des Clubs – natürlich nicht, ohne auch einen Blick in das Jahr 2023 zu werfen.
Begonnen wird die Serie mit dem sportlichen Rückblick von Stefan Meler.

Montag, 26. Dez 2022

Wie fällt ein Fazit für das Jahr 2022 aus? Liegt man damit im Plan des sportlichen Mehrjahresplans?

Stefan Meler: „Wir haben sehr, sehr viele Spiele im Jahr 2022 gewonnen. Das springt natürlich als erstes ins Auge. Wir sind eine der besten Drittliga-Mannschaften in ganz Deutschland und diese Qualität sowie das Standing haben wir im Jahr 2022 weiter ausgebaut und verstetigt.

Die ersten sechs Monate des Jahres müssen wir aus meiner Sicht zweigeteilt betrachten. Während wir in den Hauptrundenspielen noch sehr erfolgreich agiert haben, konnten wir in der Aufstiegsrunde dann nicht mehr an diesen Erfolgsgedanken anknüpfen. Hier haben wir nicht so performt, wie wir es uns alle gewünscht haben. Obwohl die Möglichkeit durchaus bestand, ein größeres Wörtchen im Kampf um die Aufstiegsplätze zur 2. HBL mitzureden, haben wir es uns durch unnötige Niederlagen verbaut. In diesem Zusammenhang gilt es zu betonen, dass diese Niederlagen durchweg eigenverschuldet waren, weil wir unsere Leistung, zu der wir im Stande sein sollten, nicht auf den Punkt abgerufen haben.

Wichtig war es für alle im Anschluss, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Für uns waren das nach intensiver Analyse gezielte Kaderanpassungen und der Wechsel auf der Trainerposition.

Generell ist die Staffel West in dieser Saison deutlich stärker als jene in den Vorjahren und hier befinden wir uns voll auf Kurs Aufstiegsrunde. In den bisher absolvierten Spielen der Spielzeit 2022/2023 haben wir 13 Siege, bei einem Remis und zwei Niederlagen eingefahren. Das ist erfolgreich, trotzdem ärgern mich die fünf Minuspunkte, die zwar erklärbar aber nicht notwendig gewesen sind. Wir befinden uns zudem in einem Prozess mit einem neuen Spielsystem, das hochattraktiv und emotional mitreißend ist. Um die Aufstiegsrunde auch in diesem Jahr zu erreichen, werden wir die nächsten Wochen und Monaten intensiv und akribisch arbeiten, sodass wir ab Anfang/Mitte April auf unserem Leistungshöhepunkt sein sollten. Dazu gehört auch die Rückkehr der derzeit verletzten Leistungsträger wie Tim Claasen, KC Brüren, Mike Schulz oder Steffen Hahn, die dem Kader, den wir in dieser Saison zu keinem Zeitpunkt annähernd vollzählig hatten, ein weiteres Plus an Quantität und auch Qualität geben werden. Auf diesen Konkurrenzkampf und die damit verbundene noch höhere Qualität darf sich jeder freuen.“

Wie zufrieden ist man mit der Arbeit von Mark Schmetz? Welche zusätzlichen Qualifikationen bringt er mit, die Erfolg begünstigen? Was zeichnet Mark Schmetz als Führungsperson im Sport aus?

Stefan Meler: „Ich bin mit der Arbeit von Mark sehr zufrieden. Er ist ein absoluter Fachmann, der die gesamte Mannschaft, aber auch die Spieler individuell, verbessert hat. Hierbei ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass er mit seiner ruhigen und umsichtigen Art nicht nur junge Spieler auf ein höheres Niveau gebracht, sondern auch die erfahreneren Akteure aus der Komfortzone bewegt hat. Wir haben als Mannschaft ein sehr gutes Konzept und intern einen beeindruckend positiven Umgang miteinander. Die Kommunikation verläuft auf Augenhöhe und immer respektvoll. Nicht nur sportlich sondern vor allem auch menschlich passt Mark mit seiner Art perfekt zur HSG Krefeld Niederrhein und sich mit dem Verein voll identifiziert. Für mich ist er ein absoluter Glücksgriff.

Bei allem Lob für Mark möchte ich aber keinesfalls vergessen, dass wir uns auch auf der Position des Co-Trainers mit Chris Oploh einen Wunschkandidaten in den sportlichen Bereich holen konnten. Chris ist vor allem hier in der Region hervorragend vernetzt und ergänzt Mark in seinem Handeln.“

Wo hat man sich sportlich verbessert?

Stefan Meler: „Unsere Art und Weise Handball zu spielen, ist von Grund auf schneller geworden. Hierbei beziehe ich mich primär nicht auf die Sprintfähigkeit der Spieler, sondern vor allem auf das Verständnis für die jeweilige Situation – wir schalten schneller und wir schalten schneller um. Dass der Mittelanwurf seit dieser Spielzeit anders und schneller ausgeführt werden kann, kommt uns dabei entgegen und sorgt in unserem Spiel für schnelle Tore. Das bietet uns einen Vorteil gegenüber anderen Teams und schlägt sich auf der Anzeigetafel wieder. In der Regel werfen wir deutlich über 30 Tore – auf diesem Niveau gegen sehr gute Gegner mit kompakten Abwehrreihen ist das schon Herausforderung genug. Um dieses Tempo über die volle Spielzeit durchzuhalten, benötigen wir ein hohes Fitnesslevel. Das war uns vorab völlig bewusst. Auch in diesem Bereich haben wir einen deutlichen Schritt nach vorne machen können. Zudem entwickelt sich die defensive Stabilität seit Beginn der Saison in die richtige Richtung. In Kombination mit unseren drei sehr guten Torhütern stellen wir jede gegnerische Angriffsreihe mittlerweile vor eine enorme Aufgabe. Neben unserer 6-0 Abwehrformation studieren wir ein weiteres Abwehrsystem ein, um noch variabler und weniger ausrechenbar für jedes gegnerische Team zu sein.

Bezogen auf die einzelnen Positionen haben wir auf Rückraum Mitte mit Tim Claasen einen Spieler verpflichtet, der als Spielgestalter ein anderer Spielertyp als Merten Krings ist, der das Spiel vorrangig über seinen herausragenden Abschluss prägt. So konnten wir unserem Spiel noch mehr Breite verpassen. Auch Loïc Kaysen und Christopher Klasmann auf der halblinken Position bringen die Portion „Extraqualität“ mit, um unser Spiel noch flexibler gestalten zu können. Es gibt keinen Spieler in unserem Kader, der als „Füllmasse“ verpflichtet worden wäre, was der Mannschaft eine beeindruckende Geschlossenheit verpasst. Vielmehr habe ich von Nummer 1 bis Nummer 19 keine Bauchschmerzen, den jeweiligen Spieler in der Startaufstellung zu sehen. Diese Kaderbreite bei durchweg hoher Qualität wird sich im Laufe der Saison noch bezahlt machen.

Schön ist zudem zu beobachten, dass die Mannschaft auch abseits der Platte hervorragend funktioniert.“

Mit Nick Braun fährt ein Spieler im Januar mit seinem Nationalteam zur Weltmeisterschaft nach Polen und Schweden. Freut man sich eher für den Spieler oder würde man ihn sich lieber in der kompletten Vorbereitung bei der Mannschaft wünschen?

Stefan Meler: „Wir freuen uns alle riesig für Nick. In den letzten Jahren hat er immer sehr hart für die Nationalmannschaft gearbeitet und als klares Ziel ausgegeben, an einem großen Turnier teilzunehmen. Jetzt hat es funktioniert und er hat es aufgrund seiner Leistung bei uns in der täglichen Arbeit und in der Nationalmannschaft absolut zweifelsfrei verdient, daran teilzunehmen. Seine Entwicklung von einem jungen Spieler, der zwischen dem Status als Stammspieler der 2. und sporadischen Ergänzungsspieler der 1. Mannschaft von Bayer Dormagen pendelte, zu einem festen Bestandteil unseres Teams ist absolut positiv. Auch wenn das Finale sicherlich nicht das ausgerufene Ziel ist, wird er diese Teilnahme als herausragende Erfahrung mitnehmen. Das wird ihn als Person und als Sportler nochmal auf ein neues Level heben.“

Wie förderlich oder kritisch ist es, mit lauter Topspielen direkt ins Jahr 2023 zu starten (in Spenge, gegen Opladen, in Emsdetten, in Longerich)?

Stefan Meler: „Der Spielplan war natürlich auch in der Hinrunde in dieser Phase schon gespickt mit Topmannschaften und grundsätzlich wissen wir, was uns dort erwartet – Woche für Woche ein heißer Tanz. Leichte Spiele erwarten wir sowieso nicht, das hat nicht zuletzt die Heimniederlage gegen Gladbeck vor wenigen Wochen gezeigt. Schlussendlich ist es so, dass wir in jedem Spiel unsere Topleistung abrufen müssen – dann wird es auch schwer, uns zu bezwingen. Qualität und Selbstbewusstsein sind in dieser Mannschaft vorhanden. Die Auswärtsspiele in Spenge, Emsdetten und Longerich werden sportlich hochinteressant – gerade das Spiel in Emsdetten. Dort wird die Halle sicherlich voll sein und brennen. Wenn wir unsere Stärken ausspielen, bin ich jedoch davon überzeugt, dass wir unsere Punkte auch in dieser Phase einfahren werden.“

Wie wichtig ist es, als Tabellenerster in eine mögliche Aufstiegsrunde zu gehen?

Stefan Meler: „Unser Ziel ist es natürlich, Erster in unserer Hauptrunde zu werden. Durch die Punktverluste gegen Gladbeck sind wir hier gegenüber Emsdetten ein wenig ins Hintertreffen geraten, jedoch ist es noch ein guter Weg zu gehen, bevor die Aufstiegsrunde ansteht und an erster Stelle steht selbstredend die Qualifikation für diese.

Trotz des Umstandes, dass der Modus noch nicht final steht – zwei Fünfergruppen oder eine Neunergruppe, je nachdem, ob in jeder Staffel der Erste und Zweite aufstiegsberechtigt und auch aufstiegswillig sind – wird es ein Vorteil mit sich bringen, als Gruppenerster in die Aufstiegsrunde zu gehen. Auch für den Kopf ist es natürlich das klare Ziel.“

Was nimmt man sich aus den Entwicklungen des Jahres 2022 resultierend für das Jahr 2023 vor?

Stefan Meler: „Wir haben erfahren, dass sich eine gute Vorbereitung, harte Arbeit, aber auch ein gutes Miteinander innerhalb des Teams, auf eine Mannschaft auswirkt. Wichtig ist für uns, dass wir sehen, dass sich unsere Entscheidungen bislang voll gerechnet haben und wir auch auf lange Sicht auf dem richtigen Weg sind. Dementsprechend werden wir auch in 2023 ruhig und bedacht planen.“

Wäre man mit einem erneuten Erreichen der Aufstiegsrunde zufrieden oder wie ist die Anspruchshaltung?

Stefan Meler: „Unsere Anspruchshaltung ist, dass die HSG Krefeld Niederrhein einer der besten Drittligisten Deutschlands ist. Wichtig ist, genau das auf die Platte zu bringen. Die Aufstiegsrunde ist ein Zwischenziel. In der Aufstiegsrunde wird es darum gehen, auf den Punkt präsent zu sein. Es wird in einem eng bemessenen Zeitraum ein sprichwörtliches „Hauen und Stechen“ geben – hier muss vieles passen, um ein gehöriges Wörtchen um den Aufstieg mitzureden. Die Voraussetzung haben wir hierfür, der Kader ist qualitativ stark besetzt und wenn alles passt und wir vom Verletzungspech verschont bleiben, sind wir auch bereit.

Hierbei wird das Trainerteam und die Mannschaft wie gewohnt die größtmögliche Unterstützung erfahren. Es wird kein Ziel im Sinne von „wir müssen“ geben, sondern im Sinne von „wir wollen das Maximale rausholen“ geben. Der Anspruch sollte jedoch eine gute Aufstiegsrunde mit einem Ausrufzeichen sein.“

Nach den langfristigen Vertragsverlängerungen mit Pascal Noll und auch Steffen Hahn zuletzt: Wie weit sind die Kaderplanungen für die kommenden Saison bereits jetzt vorangeschritten?

Stefan Meler: „Wir befinden uns in intensiven Gesprächen mit jedem Spieler des Kaders. Grundsätzlich sind wir zufrieden mit dem, was in den ersten Monaten der Saison entstanden ist und entsteht. Klar ist aber auch, dass wir schauen, wie wir das Vorhandene noch weiter optimieren können. Bei dem positiven Auftritt der Mannschaft wecken unsere Akteure Begehrlichkeiten bei anderen Clubs, wir werden jedoch auch zur neuen Saison auf Kontinuität setzen – genauso wie wir bereits vor der Saison auf Kontinuität auf den wichtigen Positionen gesetzt und uns in der Breite verstärkt haben. Diesen Weg werden wir fortsetzen und die Spieler weiterentwickeln.

Fakt ist aber auch, dass die Kaderplanung ein ganzjähriger Prozess ist, der voll im Gange ist. Erste Ergebnisse, die auf Kontinuität und Nachhaltigkeit einzahlen, sind sicherlich die langfristig angelegten Arbeitspapiere von Pascal Noll und Steffen Hahn bis 2026 bzw. 2027. Weitere werden folgen.“